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Germanistische Mediävistik


„Wie alle geschichtlichen Wissenschaften hat auch die deutsche Philologie ihren Ursprung in dem gewaltigen Quellgebiet der Romantik, wie alle andere geschichtliche Wissenschaft verdankt auch sie ihren raschen, unaufhaltsamen Aufstieg der großen Entfaltung des geschichtlichen Denkens des 19. Jahrhunderts. Sie steht nicht allein, sondern in engstem Geflecht mit der Gesamtheit der historischen Wissenschaften nimmt sie teil an der gewaltigen Bewegung der Erschließung der geschichtlichen Welt […]“

So schreibt Josef Dünninger in der Wissenschaftsgeschichte zur deutschen Philologie. Hier wird der zeitliche Ursprung der akademischen Germanistik markiert, das frühe 19. Jahrhundert. Der Hinweis, dass sie Teil eines historischen Gesamtinteresses ist, verweist darauf, dass das historische Sujet, die frühen volkssprachlichen Texte, zumindest eines der ersten zentralen Themen der Gesamtdisziplin darstellen. In dieser Vernetzung der Disziplinen, zumindest im gleichzeitigen Interesse an ihnen, ist schon in den wissenschaftlichen Anfängen ein kulturwissenschaftlicher Ansatz grundgelegt, der in der Geschichte der historischen Wissenschaften immer wieder, wenn auch eine sich verändernde Rolle spielt.

Erste Textfunde im 15./16. Jahrhundert
Tatsächlich ist die germanistische Mediävistik (Beschäftigung mit dem Mittelalter aus germanistischer Sicht) jene Teildisziplin der heutigen Germanistik, die die textliche Grundlegung zur Gründung des Faches auslöste. Es waren die Texte des Mittelalters, die zuerst Beachtung und Betrachtung fanden.
Dieses historisch-literarische Interesse setzte nicht erst im 19. Jahrhundert ein. Es manifestiert sich bereits in Textfunden und -ausgaben des 15. und 16. Jahrhundert. Konrad Celtis entdeckte das Werk der Hroswitha von Gandersheim (10. Jahrhundert) im Kloster Emmeran bei Regensburg wieder und veröffentlicht es 1501. Auch Grammatik und Komparatistik spielen eine Rolle: 1534 wird eine Teütsche Grammatic publiziert (Valentin Ickelsamer) und 1555 ist in Konrad Geserns Mithridates ein erster Versuch einer vergleichenden Sprachbetrachtung (Hebräisch, germanische Sprachen) zu sehen.

Textliche und wissenschaftsgeschichtliche Meilensteine der (mediävistischen) Germanistik bringt das 17. Jahrhundert hervor. Martin Opitz gibt 1639 das Annolied heraus, die „Meistersinger und ihre holdselige Kunst“ werden Thema der Auseinandersetzung und der Jurist und Philosoph Christian Thomasius hält 1687 in Leipzig die erste akademische Vorlesung in deutscher Sprache.

Entdeckung des Nibelungenliedes
Zum wesentlichen Impuls für die Beschäftigung mit volkssprachlichen Texten des Mittelalters wird die Entdeckung der Handschrift C des Nibelungenliedes 1755 durch Jakob Hermann Obereit in der Hohenemser Bibliothek (Vorarlberg). Zwei Jahre darauf gab J. J . Bodemer Chriemhelden Rache und die Klage. Zwey Heldengedicht. Aus dem schwäbische Zeitpunkt nach dieser Handschrift C heraus.
Damit war ein wichtiges Thema der deutschen Philologie festgelegt: die Auffindung und Herausgabe mittelalterlicher Texte. Dass gerade das Mittelalter im Fokus stand, hatte einen pragmatischen und einen geistesgeschichtlichen Grund. Die ersten Textzeugen der Volkssprache, im Gegensatz zu den überwiegend lateinischen Texten im Mittelalter, führen ins frühe Mittelalter, ins 8. Jahrhundert (Älteres Hildebrandslied, Glossen, „Zaubersprüche“, geistliche Dichtung wie Evangelien-Nachdichtungen und -Kommentare). Und die historische Epoche Mittelalter und seine Motive und Themen (Ritter, Burgen, Kathedralen etc.) erfreuten sich, wie oben erwähnt, Anfang des 19. Jahrhunderts besonderen Interesses. Dies ist der geistesgeschichtliche Impuls für den kulturellen und wissenschaftlichen Rückgriff auf das Mittelalter.

„Kritische Ausgaben“
Die Auseinandersetzung mit Texten des Mittelalters blieb nicht einziges Thema der deutschen Philologie, aber diese gab auch im Weiteren in der Sprach- und Literaturwissenschaft Methode und Material beispielhaft vor. Neben den Regeln für den aktuellen Sprachstand interessierten die Ursprünge der Volkssprache und ihre Regeln. Dies zeigen u. a. Werke wie Einwirkung des Christenthums auf die Althochdeutsche Sprache von Rudolf von Raumer aus dem Jahre 1845.
Im 19. Jahrhundert entstanden so die ersten Textausgaben der mittelalterlichen und der späteren Dichtungen, zunächst als Transkriptionen, also Übernahmen des sprachlichen Textes, und später die ersten „kritischen Ausgaben“, d. h. Textabdrucke, die zumindest im Ansatz abweichende Überlieferungsformen in anderen Handschriften berücksichtigen. In dieser Phase wurde bereits eine große Zahl an Philologen tätig. Hier sind die Gebrüder Grimm, die auch das Deutsche Wörterbuch herausgaben, Karl Lachmann und Wilhelm Scherer zu nennen, die unter den gesammelten Schriften einen besonderen Rang einnehmen.

Interpretierende Disziplin
Neben der Textphilologie nahm die Literaturwissenschaft als hermeneutische, interpretierende Disziplin immer bedeutenderen Raum ein. Allerdings ist hier festzustellen, dass die Deutung der Texte stets eine zeitgebundene Sicht bot. So wie die Textedition neben der philologischen Erkenntnis an die technischen Möglichkeiten der jeweiligen Zeit gebunden ist (von der Maschine des handwerklich orientierten Druckers zur multioptionalen Technik des PC), so ist die Hermeneutik den aktuellen historischen, geistesgeschichtlichen und normativen Strömungen der Entstehungszeit verpflichtet. Auch dies lässt sich an den Schwerpunktsetzungen der Mediävistik seit dem frühen 19. Jahrhundert verfolgen.
Diente die Beschäftigung mit den volkssprachlichen Texten zunächst der Identitätsfindung einer Nation auf deutschem Boden, so mutierte dieses der eigenen Kultur verbundene Interesse zu jenem der so genannten Jugendbewegung, die diese Texte des nationalen Ursprungs erstmals vehement der Jugend nahe brachte.
In einem weiteren Schritt der Ideologisierung kam es zum nationalsozialistischen Missbrauch gerade des Nibelungen-Stoffes im Kontext des Dritten Reiches. Seine mittelalterlich-literarischen Figuren wurden der Ästhetik der Machthaber anverwandelt und Teile des Geschehens zu politischer Propaganda nutzbar gemacht (z. B. Goebbels Rede zur Schlacht in Stalingrad, als er die Saalschlacht im Nibelungenlied mit jener in Stalingrad vergleicht, geradezu gleichsetzt).

Mittelalter-Rezeption
Diese genannten Forschungsbereiche, historische Sprachwissenschaft (vor allem Althochdeutsch und Mittelhochdeutsch), Editionswissenschaft, Literaturgeschichte und -wissenschaft (Hermeneutische Methoden) blieben die Kernbereiche der germanistischen Mediävistik.
In der Folge der Studentenbewegung 1968, deren wichtiges Anliegen es war, Autoritäten aller Art zu hinterfragen, gerieten auch die wissenschaftlichen Fragestellungen der Mediävistik ins Wanken. Die gesellschaftspolitische Aktualität und Relevanz der Disziplinen standen zur Diskussion. Dadurch wurde ein Forschungszweig, die Rezeptionsforschung (Hans Robert Jauß), für die Mediävistik breiter definiert.

Eigentlich beschäftigt sich die Rezeptionsforschung mit der „Aufnahme“ von Literatur durch den Leser etc. In der Mittelalter-Rezeption geht es um das Aufgreifen von mittelalterlichen Themen, Stoffen, literarischen, kunsthistorischen u. a. kulturellen Phänomenen, die eine aktuelle Gestaltung, Bearbeitung erfahren. Dies kann im Bereich der Literatur, des Films, der Musik, der bildenden Kunst und der Wissenschaft im weitesten Sinne geschehen.

Editionswissenschaft
Aber auch in den ursprünglichen „Kerngebieten“ mediävistischer Forschung sind Erweiterungen und Veränderungen zu beobachten. Die Editionswissenschaft erfuhr durch den technischen Fortschritt, die neuen Medien, einen wesentlichen Impuls. Es wurde möglich, die Überlieferung eines Textes in mehreren Handschriften so abzudrucken, dass die Varianten nebeneinander zu sehen sind. Im Druck hat dies noch optische Grenzen, aber auf dem Bildschirm kann dies parallel abgebildet werden.
Institutionell gibt es über politische Systeme hinweg (vom späten Kaiserreich über Weimarer Republik, Drittes Reich und DDR) bis in die Gegenwart Kontinuität. So verfolgen das Deutsche Handschriftenarchiv und die ursprüngliche Arbeitsgruppe der Preußischen Akademie der Wissenschaften (heute: Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften) Deutsche Texte des Mittelalters nach wie vor die Aufgabe, mittelalterliche Texte nach neuesten wissenschaftlichen Erkenntnissen zu edieren.

Deutungskonzepte von Texten
In die Deutung der mittelhochdeutschen Texte wird in zunehmendem Maße nicht nur der historische Kontext eingearbeitet, sondern auch der motivgeschichtiche, kulturelle und der interkulturellle. Bereits für das 19. Jahrhundert kann Wolfgang Stammler kulturgeschichtliche Ansätze erkennen, die sich aber doch mehr auf die Historie, auf Philosophie, Religion und Sprache bezogen. Heute werden die Texte nach ihren literarischen Darstellungsvarianten von Detailrealismen, wie Burgen, Waffen, Festen u. Ä., befragt ebenso wie nach Vorstellungen von Geschlechterentwürfen und Konstruktionen und Repräsentationsmöglichkeiten von Macht und Herrschaft.

Interkulturelle Ansätze
Der Blick auf die Literatur in anderen Sprachräumen hat in der germanistischen Mediävistik eine besondere Tradition, da die Stoffe um Artus und Parzival aus dem englischen und französischen Raum stammen. Diese komparatistischen und in der Folge interkulturellen Ansätze werden heute in intensiverem Maße aufgegriffen. Auch der sprachwissenschaftliche Zweig betrachtet die Texte unter dem Aspekt der Dialogführung, um seine mögliche Nähe zu real vorstellbaren Gesprächen zu prüfen und damit das Artifizielle des Textes auf dieser Ebene zu relativieren oder sichtbar zu machen.

Ausweitung des Textkanons
Eine große Erweiterung hat die germanistische Mediävistik hinsichtlich ihres Textkanons erfahren. Waren es im 19. Jahrhundert und in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts vor allem die frühen althochdeutschen Texte und die Texte der so genannten höfischen Klassik des späten 12. und des frühen 13. Jahrhunderts (z. B.: Minnelieder – Walther von der Vogelweide, Reinmar; Artus-Epik – Wolfram von Eschenbach, Gottfried von Straßburg, Hartmann von Aue; Heldenepik – Nibelungenlied, Gudrun, Dietrichepik), die die Basis für die wissenschaftliche Auseinandersetzung bildeten, so betrachtet die Wissenschaft ab den 1970er Jahren zusätzlich die Aufführungssituation dieser Texte und damit die Melodien, die in diesem Zusammenhang zum Einsatz kamen.
Es finden aber darüber hinaus ganz andere Texte und Textsorten wissenschaftliche Beachtung, z. B. Predigten und Hausbücher (allerlei Rezepte für Speisen und Salben und Heilmittel, Anweisungen für Reparaturen und diverse Arbeiten in Haus und Hof) und vor allem die Texte des späteren Mittelalters, also zwischen dem späten 13. und dem 16. Jahrhundert, rücken in den Fokus des mediävistischen Interesses.

Interdisziplinärer Blick
Die germanistische Mediävistik bleibt bis heute ein produktiver Zweig der historischen Geisteswissenschaft. Wie in den Anfängen verbindet sie sich in steigendem Maße im Sinne der interdisziplinären Kooperation mit den anderen historischen Disziplinen, also mit der Geschichte und Kunstgeschichte sowie mit den historischen Teilbereichen anderer Philologien.


Autorin: Siegrid Schmidt, 2009

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