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Ein „Volk“ der Kelten in der Latènezeit?


Aus archäologischer und esoterischer Literatur, aus Fernsehen, Magazinen und Tageszeitungen Europas tritt uns der Begriff „Kelten“ häufig entgegen. Obwohl in aller Munde, scheint es keine einheitliche Vorstellung zu geben, was damit überhaupt gemeint ist. Man wird nicht fehlgehen anzunehmen, die Zahl der unterschiedlichen Ideen dazu könnte fast so groß sein wie die den Begriff verwendenden Menschen.

Als sich das Fach der prähistorischen Archäologie zu entwickeln begann, war die Gleichsetzung einer archäologisch durch die Verwendung ganz bestimmter Schmuck- und Keramikformen fassbaren Kultur mit dem Namen eines Volkes üblich, zumindest soweit dies möglich war. Natürlich konnten nur Namen verwendet werden, die von antiken Schriftstellern hinterlassen worden waren, denn die Kulturen der Urgeschichte kannten oder verwendeten die Schrift nicht, um ihre Selbstbezeichnung niederzuschreiben. Im 19. Jahrhundert wurde der antik überlieferte Begriff „Kelten“ gewählt, um damit die eisenzeitlichen Kulturen West- und Mitteleuropas (Hallstattkultur, vor allem aber Latènekultur) ethnisch zu charakterisieren, und auch heute wird er noch oft so verwendet.

Die Definition der Kategorie „Volk“ an sich ist jedoch hochkompliziert. Selbst von außen betrachtete heutige Kulturen lassen es oft nur schwer zu, auch den Namen eines Volkes damit zu verbinden. Menschen können unterschiedliche Kleidung und Schmuck verwenden, sich aber dennoch zusammengehörig fühlen, oder sich umgekehrt trotz gleicher Kleidung und Schmuck als kulturell völlig getrennt empfinden.
Ebenso problematisch ist die Annahme, Sprache sei ein Kriterium für die Definition ethnischer Strukturen, wobei allerdings tatsächlich auch sogenannte keltische Sprachen – lebende und tote – bekannt sind. Diese Sprachen wurden in der Eisenzeit in West- und Mitteleuropa gesprochen, doch es ist nicht mit Sicherheit davon auszugehen, dass alle Menschen, in deren Gräbern sich latènezeitlicher, also jüngereisenzeitlicher Schmuck befand, auch eine keltische Sprache verwendeten.
Eine Gleichsetzung von archäologisch definierten Materialgruppen in einem bestimmten Gebiet – in diesem Fall die eisenzeitliche Kultur West- und Mitteleuropas – mit dem Begriff eines Volkes und/oder einer bestimmten Sprache und der damit verbundenen Vorstellung einer zentralstaatlich organisierten Gesellschaft ist also nicht möglich.

„Die Kelten“ im Sinne einer großen Menschengruppe, die sich über lange Zeit und große geographische Gebiete hinweg wie ein zusammengehöriges Volk fühlte, hat es also nie gegeben. Somit wissen wir nicht, ob sich die Angehörigen der einzelnen Gruppen eisenzeitlicher Kulturen einen über regionale Stammesbezeichnungen hinausgehenden Gesamtnamen gegeben haben – aber wir kennen ihre unterschiedlichen Gräber und ihre Siedlungen, ihre Waffen und ihre Haushaltskeramik, und von manchen wissen wir sogar, dass sie Angst hatten, der Himmel könne ihnen auf den Kopf fallen.

Autorin: Jutta Leskovar, 2006

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