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Glaube? Aberglaube? - Volksfrömmigkeit | Kulturgut Hausruck


MAGIE UND ZAUBEREI IM ALLTAGSLEBEN

Magische Mittel gegen Krankheit

1. Schutzmittel gegen die Fraisen

Die Fraisen waren eine gefĂŒrchtete Erkrankung im Kindesalter mit heftigen Fieber- und KrampfanfĂ€llen, die oft zum Tod fĂŒhrten. Als Abwehr gegen die Fraisen gab es eine Vielzahl volkstĂŒmlicher Mittel. Fraisenketten waren kleine Ketten oder StoffbĂ€ndchen mit verschiedenen Amuletten. Die Anzahl sollte ungerade sein, Lochsteine, Fraisen- oder Schrecksteine, Breverl, WallfahrtsmĂŒnzen, Gichtkugeln, Wolfszahn, Maulwurfskrallen, Neidfeigen, „Verreckerl“, Korallen, Turboschnecken, Malachitherzen, versteinerte HaifischzĂ€hne („Natternzungen“), Loretoglöckchen usw. wurden angehĂ€ngt. Stallbettnkettn waren große Fraisenketten, die man auch fĂŒr das Vieh und fĂŒr magische Handlungen verwendete. Knochen, HaarbĂŒschel, TierzĂ€hne, KupfermĂŒnzen, HufnĂ€gel, Kreuze und Wolfgangihackln finden sich daran. FraisenhĂ€ubchen und Fraisenhemdchen wurden besonders im Kloster Loreto bei Salzburg hergestellt. Man legte sie bei AnfĂ€llen unter den Kopfpolster des Kindes. Fraisenbriefe mit sehr Ă€hnlichen Texten kursierten in den Ortschaften und wurden denen, die sie brauchten, geliehen und immer wieder abgeschrieben. Man legte sie dem Kranken unter Vorlesen und Gebeten auf.

Im Bezirk Braunau verwendete man Natternwirbeln, in Wendling schwarze KĂ€fer, die man in Stoffbeuteln dem Kind um den Hals hĂ€ngte, in Rottenbach Fraisenketten-, briefe und Breverl, in Haag Fraisenbriefe, die die Baderin Kindern umhĂ€ngte. In Schildorn nahm man sogar Krenscheiben und in St. Thomas das Brautkleid der Mutter oder einen FensterflĂŒgel zum Auflegen bei AnfĂ€llen.

 

2. Amulette

Das Tragen von GegenstĂ€nden mit magischen KrĂ€ften, als die man besondere Muscheln, Schnecken und Steine sah, war schon in der Steinzeit ĂŒblich.
Amulett aber auch Votiv war die GebÀrkröte, bzw. das Krötenvotiv. Man sah die GebÀrmutter als lebendes Wesen, das im Körper herumwanderte. Deshalb wurden solche Kröten bei Unterleibsbeschwerden aber auch bei Geburtsschwierigkeiten oft gespendet. Man fand sie in der Mariahilfkapelle in Lambach und in der Schacherbauerkapelle in Neukirchen an der Enknach.
Auch die Breve (Breverl) waren ein beliebtes Amulett, besonders bei Soldaten. Manchmal waren es nur StoffstĂŒckchen mit Gebeten, mystischen Zeichen und Heiligenbildern oder es waren auch Teile getrockneter FrĂŒchte oder rote TuchstĂŒckchen zur Hexenabwehr beigefĂŒgt, fast immer war ein Benediktuspfennig dabei. Dieser hatte auf einer Seite den hl. Benedikt, auf der anderen ein Kreuz mit eingeschriebenen Buchstaben. Sie wurden auch unter der Schwelle eingegraben oder beim Schatzbeten als Schutz verwendet. Zachariaskreuze, mit dem Segen des Papstes Zacharias, sollten der Pestabwehr dienen, Ulrichskreuze vor Fallsucht und Ratten schĂŒtzen. Scheyerkreuze, aus dem Kloster Scheyern in Bayern, galten wegen dem Ă€hnlichen Klang von Scheyer und Schauer als Wetterkreuze besonders zur Hagelabwehr.
Auch Ringe wurden gegen Krankheiten getragen. Es gab Gichtringe oder Krampfringe, dĂŒnne Ringe, die aus drei SargnĂ€geln geschmiedet wurden.
Zahnperlen sollten den Kindern beim Zahnen helfen: Sie waren aus weißen BeinstĂŒcken oder aus harten schwarzen Fruchtsamen der Pfingstrose gemacht, die man den Kindern um den Hals hĂ€ngte. In Wendling warf man den ersten Zahn mit dem Spruch „Maus, i gib dir an boanern, gib mir an stoanern!“ ĂŒber die Schulter, in Eberschwang und Schildorn hieß der Spruch: „Feuer, i gib dir an boanen, gib mir an stoanern.“
Als magische Steine sah man Blutstein (HĂ€matit), man schabte sein rotes Pulver zum Blutstillen ab. Als Augensteine wurden AchatstĂŒcke wegen ihrer augenĂ€hnlichen Zeichnung verwendet. Fellerlsteine, Kugeln aus Achat von AugapfelgrĂ¶ĂŸe, sollten gegen Star helfen, wenn man sie in Teig buk und auf das Aug auflegte. Krebsenstoanl, Kalkablagerungen mĂ€nnlicher Krebse, sollten, im Aug hin- und hergerollt, Fremdkörper aus diesem entfernen.


3. Das Einkeilen von Krankheiten

Im Bezirk Braunau „keilte“ man bis nach 1920 Krankheiten in Holz ein. Diese Praktik beruht auf dem Gedanken, die Krankheit sei ein DĂ€mon, den man so gefangen halten bzw. an einen anderen Ort verbannen könne. Besonders bei LeistenbrĂŒchen aber auch gegen Fraisen wurde das Einkeilen von dem „Anbraucher“ oder Wender ausgeĂŒbt. Er schnitt dem Kranken die FingernĂ€gel und die ZehennĂ€gel oder nahm Haare von ihm und wickelte sie in Papier. Dann ging er vor Sonnenaufgang an einem ersten Freitag im Monat oder bei abnehmendem Mond zu einer jungen Eiche und bohrte ein Loch in ihr Holz. Er mischte die BohrspĂ€ne mit den NĂ€geln des Kranken und drehte das Ganze, meist gemeinsam mit einer MĂŒnze, in Werg ein, verkeilte es in der Eiche und verklebte die Stelle mit Wachs. Vernarbte die BeschĂ€digung des Baumes, so sollte der Kranke gesund werden.
Die Eiche könnte auf einen Zusammenhang mit Baumkulten noch aus heidnischer Zeit hindeuten. Sie galt als heiliger Baum Wotans. Manchmal versuchte man dem Ganzen doch einen christlichen Anschein zu geben, indem man beim Verkeilen Gebete sprach und den Kranken anleitete, ebenfalls zu beten.

 

4. Wenden, Anbrauchen, ZaubersprĂŒche und Segen

Aus der Volksheilkunde sind eine Unzahl von SprĂŒchen bekannt, die man gegen Krankheiten benutzte. Schon die Namen verschiedener Krankheiten deuteten darauf hin, dass man sie als von dĂ€monischen Wesen verursacht sah (Hexenschuss, AlpdrĂŒcken). Die Ă€ltesten Heilverfahren der Menschheit bestanden aus ZaubersprĂŒchen, aus Besprechen, Bannen und Vertreiben der Krankheit durch magische Handlungen.
Diese Verfahren werden unter dem Begriff „Sympathiemittel“ zusammengefasst. In Oberösterreich ist dafĂŒr die Bezeichnung Wenden gebrĂ€uchlich. Man meinte damit ursprĂŒnglich das tatsĂ€chliche Umwenden oder Umdrehen von GegenstĂ€nden oder Personen, spĂ€ter aber jeden Versuch, durch magische Verfahren Krankheiten abzuwehren, „zum Guten zu wenden“. Zu den Segen verwendete man meist noch verschiedene Hilfsmittel wie Hölzchen, HufnĂ€gel, Äpfel oder einen Trogscherer. Sprachrhythmus und Wiederholungen waren dabei wichtig. Buchstabenkombinationen wurde auch eine magische Wirkung zugeschrieben. Beim Zachariassegen bedeutete jeder Buchstabe einen Satz eines Psalmverses. Schon bei der Pest 1713 wurde der Segen im vollen Wortlaut in Linz gebetet. Gegen die Grippe schrieb man in der Gegend von St. Georgen bei Grieskirchen ZJDL+A+BJZ+SABFZHGF+BFBS an die TĂŒr, vermutlich eine Ableitung des Zacharias-Segens.

 

5. BĂŒchlein, Zettel und Tiere

In den meisten volkskundlichen Heilrezepten mischt sich KrĂ€uterkunde mit Magie. So fand sich auch am Haslingerhof in Geboltskirchen ein kleines Heil- und ZauberbĂŒchlein, in dem man naturheilkundliche und magische Rezepte findet. Leinöl sollte gegen ViehlĂ€use helfen, eine getrocknete Kröte, die man auf Vergiftungen oder GeschwĂŒre legt, sollte das Gift ausziehen.
Der Volksglaube meinte, gegen die Fraisen sollte man ein neugeborenes HĂŒndchen, das das gleiche Geschlecht wie das Kind haben musste, im Backofen verbrennen, und dem Kind das daraus gewonnene Pulver verabreichen. Ebenfalls gegen die Fraisen sollte ein Bein aus dem SchĂ€del eines Schweins helfen, das zwei augenĂ€hnliche Löcher hatte. Bei sich getragen, verhindere es auch das Verirren und wurde daher „Wögweisal“, Wegweiserl, genannt. Auch der „Scher“, der Maulwurf, spielte in der Volksmedizin eine Rolle. In einem Analogiezauber musste man den Maulwurf, der in der Erde wĂŒhlt, in der Hand zerdrĂŒcken, um den, im Finger „wĂŒhlenden Fingerwurm“, eine Eiterung des Fingers, zu bekĂ€mpfen. Blutungen konnte man stillen, wenn man sich ein SĂ€ckchen mit einer Maulwurfvorderpfote umhĂ€ngte.
Man musste ihm aber die Pfote abgebissen haben. „Beiweri“, die Nester der Bienen, Wespen etc., besonders die Waben, nahm man zum RĂ€uchern gegen GeschwĂŒre, Spinnen musste man eingeschlossen in einer Nuss um den Hals tragen, dann wĂŒrden sie Gift und Krankheiten auf sich ziehen.
 


Dokumentation der Ausstellung "Glaube? Aberglaube? – Volksfrömmigkeit" im Kulturgut Hausruck vom 26. April bis 2. November 2014.

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