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Aloisia Linimair. Wieviel Leid kann ein Mensch ertragen?


Die Marchtrenker KĂŒnstlerin Astrid Benzer schuf im Rahmen des „Festivals der Regionen“ unter dem Titel „Was war
.“ eine Rauminstallation fĂŒr das „Alte Kino“ in Marchtrenk. Unter anderem zeigte sie auch ein Foto der Familie Stefanie und Mathias Wartinger. Im Begleittext stand geschrieben: „
.zehn Kinder hatte das Ehepaar – neun Söhne und eine Tochter. FĂŒnf der Söhne mussten zur Wehrmacht – alle fĂŒnf Söhne kamen wohlbehalten zurĂŒck.“ Im letzten Absatz stand: „Doch nur wenige HĂ€user weiter wohnte eine Familie, die verlor fĂŒnf Söhne – vier fielen an der Front, der fĂŒnfte Sohn verkraftete den Tod und das Trauma des Krieges nicht.“

Diese vielen SchicksalsschlĂ€ge in einer Familie veranlassten den Obmann des Museumsvereins Marchtrenk – Reinhard Gantner – nĂ€her und eingehender zu recherchieren. An dieser Stelle soll den beiden Enkelinnen von Frau Aloisia Linimair – Frau Leopoldine MĂŒller und Aloisia Hager, der Gattin Aloisia des jĂŒngsten Sohnes Gottfried der Familie Linimair, sowie den Urenkelinnen Brigitte Dörr und Anita Wirth sehr gedankt werden. Sie alle waren sehr bemĂŒht, Fotos zur VerfĂŒgung zu stellen, sich zu erinnern und somit das Schicksal einer großen, kinderreichen Familie fĂŒr die Nachwelt zu bewahren.
In unseren ausfĂŒhrlichen GesprĂ€chen mussten wir gemeinsam erkennen, wie erstaunlich rasch die Erinnerungen verblassen können. An Dinge, die schön waren, erinnern wir uns gerne zurĂŒck, die sehr schmerzhaften Erinnerungen jedoch bleiben im GedĂ€chtnis ĂŒber Generationen. Die Erinnerungen formen und prĂ€gen uns und unser Handeln – bewusst oder unbewusst. Da die Menschen auf ihr Schicksal, der tiefsten Not und ihrem Leid eben auf verschiedene Art und Weise reagieren, blieb so vieles ungesagt.

Aloisia Linimair, geb. Jansky (1899 – 1965) und ihr Ehemann Josef (1884 – 1955) lebten in Marchtrenk, damals Hausnummer 127, spĂ€ter in Lagerstraße 3 umbenannt. Ihr Zuhause war eine stehengebliebene Offiziersbaracke aus dem k.u.k. Kriegsgefangenenlager in Marchtrenk. Im Laufe der Jahre bekamen sie zehn Kinder – sechs Buben und vier MĂ€dchen. Die Söhne hießen Josef, Johann, Adolf, Franz, Karl und Gottfried, die Töchter Aloisia, Erna, Magdalena und Anna. Das Ehepaar wohnte mit den zehn Kindern relativ gerĂ€umig. Es gab eine KĂŒche, ein großes Wohn- und ein Schlafzimmer. FĂŒr die Kinder bestand ein eigener Wohntrakt. Das Wasser musste aus einem Brunnen hinter der Baracke geschöpft werden. Nachdem es begonnen hatte, in die Baracke zu regnen, stellte die Gemeinde der Familie Linimair – fĂŒr den Zeitraum der Dachreparatur – den Wasserturm zur vorĂŒbergehenden Wohnmöglichkeit zur VerfĂŒgung. Sie bewohnten da fĂŒr eine geraume Zeit den 1. Stock des Wasserturms – so laut Angaben von Magdalena, die sich noch erinnern kann, dass sie als Kinder die Stiegen auf und ab gelaufen sind.

Josef Linimair fand nach dem 1. Weltkrieg Arbeit bei der Firma Becker, einer Schafwollspinnerei. Die Weltwirtschaftskrise fĂŒhrte dazu, dass er entlassen und spĂ€ter ausgesteuert wurde. Das bedeutete, dass die Familie vom Staat keinerlei UnterstĂŒtzung mehr erhielt. Die Gattin versuchte mit dem Verkauf von Maiglöckchen, Beeren und HeilkrĂ€utern aus der Au – die sie selbst gesammelt hatte – an Familien in Linz (sie fuhr mit dem Rad dahin) und im Besonderen an die Familie von Dr. Holzhey in Marchtrenk zum Überleben beizutragen. Frau Linimair musste wegen der großen Kinderschar manchmal auch betteln gehen. Einmal ging sie nach Pucking. Da gab es damals eine Grenze, wie weit man betteln gehen durfte. Da sie jedoch noch zu wenig fĂŒr ihre Kinder hatte, wagte sie sich ĂŒber die damalige Grenze hinaus und wurde dabei ertappt. Es blieb jedoch nicht bei einer Verwarnung, man nahm ihr alles weg und brachte sie fĂŒr 2 Tage nach Wels ins GefĂ€ngnis. Die Kinder erfuhren erst viel spĂ€ter davon, als sie fragten, wo denn die Mama bleibt. Sie ersuchte auch den damaligen Pfarrer um UnterstĂŒtzung, der ihr zur Antwort gab, dass sie halt enthaltsamer leben mĂŒsste und schickte sie mit leeren HĂ€nden weg. Die Kinder erinnern sich noch daran, wie gut es im Hof des Pfarrers nach Wurst, Speck und Brot duftete.

Nach dem Beginn des II. Weltkrieges mussten 5 Söhne einrĂŒcken. Nur der Gatte – weil schon zu alt und der jĂŒngste Sohn Gottfried – weil noch zu jung, mussten nicht in den Krieg ziehen. Vier Söhne (Franz, Adolf, Karl und Johann) starben an verschiedensten Orten. Ein Sohn kam vom Krieg zurĂŒck, der jedoch den Krieg und den Tod seiner BrĂŒder nicht verkraftete und daran zerbrach. Die Meldungen vom „Heldentod“ lösten bei Frau Linimair fĂŒrchterliche SchwĂ€cheanfĂ€lle aus, sodass sie oft lange nicht aus dem Bett konnte. Kaum hatte sie wieder ein bisschen Lebensmut gefasst, kam die nĂ€chste Hiobsbotschaft. Der jĂŒngste Sohn Gottfried machte damals eine BĂ€ckerlehre und er erzĂ€hlte seiner Frau Aloisia, wenn er von der Arbeit nach Hause kam, und seine Mutter schon von der Straße aus schreien hörte, da wusste er, dass schon wieder eine dieser schrecklichen Nachrichten ĂŒbermittelt wurden – einmal kamen sogar zwei Todesnachrichten in einem Monat. Einer der gefallenen Söhne hatte immer einige Bilder der Familie in seiner Brusttasche. Die Bilder kamen zurĂŒck, es fehlt jeweils ein Eck, weil er von einer Granate getroffen und getötet wurde, die Bilder gibt es noch heute.

Eine Tochter von Frau Linimair namens Aloisia war verheiratet mit Alois Hager. Sie hatten zwei Töchter namens Aloisia und Leopoldine, das dritte Kind war unterwegs. Als Alois auf Heimaturlaub war, sagte er zu seiner Frau: „Wenn das Baby ein Junge wird, so nenne ihn Franz.“ Es wurde ein Junge, den er niemals sehen sollte, denn auch er musste sein Leben im Krieg lassen. Noch heute gibt es dieses BĂŒchlein, nach Datum aufgelistet, der fast tĂ€glich geschriebenen Briefe an ihren geliebten Mann.

Wer Eltern kennt, die ihre Kinder ĂŒberleben, weiß ĂŒber ihren unsagbaren Schmerz und der tiefen Trauer – oft ein Leben lang. Gottfried, der ja damals zu jung zum EinrĂŒcken war, erzĂ€hlte des Öfteren seiner Frau Aloisia Folgendes: Kurz vor Kriegsende bekam er – damals war er 15 Jahre jung und der letzte Sohn der Linimairs – eine Aufforderung vom Stellungskommando in Wels, noch in den Krieg ziehen zu mĂŒssen. Da sehr viele MĂ€nner ihr Leben lassen mussten und sie Nachschub brauchten, wurden letztlich auch die jungen Burschen noch eingezogen. Daraufhin nahm Mutter Linimair ihren Sohn, fuhr mit ihm nach Wels zur Meldestelle, stellte sich vor den Kommandanten und sagte – ihren Sohn hinter ihr am Arm: „Ich habe vier Söhne im Krieg verloren – meinen jĂŒngsten Sohn kriegen sie nicht mehr!“ Der Mann sah die Frau mitfĂŒhlend an und bemerkte: „Sie haben vier Söhne verloren? Nehmen sie ihren Sohn und gehen sie mit ihm nach Hause!“

Auch gab es eine Situation, die von einem Mann herbeigefĂŒhrt worden ist, der sich der damaligen Besatzungsmacht, den Amerikanern, in völlig unpassender Uniform gezeigt hat und daraufhin geflohen ist. Die Amerikaner ließen alle zum Haus gehörenden Leute mitsamt Kindern antreten und fragten immer wieder, wo der Gegner sich versteckt. Da es niemand wusste, drohten sie, dass die Baracke gesprengt wird. Dass dies nicht geschah, ist einzig einem Nachbarn namens Wartinger (Vorname leider unbekannt) zu verdanken, der der englischen Sprache mĂ€chtig war und somit die Amerikaner beruhigen konnte, sodass sie von ihrem Vorhaben abließen und weiter fuhren. Wie auch andere Ă€ltere Marchtrenker öfters erzĂ€hlen, war es auch fĂŒr die damaligen Kinder der Kriegsgeneration nicht ungefĂ€hrlich, in die Schule zu gehen oder im Freien zu spielen, da amerikanische Tiefflieger auf alles schossen, was sich bewegte.

Nach dem Krieg ging es wieder langsam aufwĂ€rts. Man konnte sich allmĂ€hlich erholen, es kehrte Ruhe ein. Es gibt noch viele lebhafte Erinnerungen an die Nachkriegszeit, die Familie war groß und der Zusammenhalt mehr als gegeben. Da gab es den Schuster namens Woutschuk, der Frau Linimair eine große Freude bereitete, als er ihr ein Grammophon zum Aufziehen schenkte. Sie tanzte gerne und brachte auch ihren Enkelkindern das Tanzen bei, besonders den Walzer. So vergingen allmĂ€hlich die Jahre in Harmonie einer Großfamilie, die unter einem Dach wohnte. Die jĂŒngeren Kinder wuchsen heran, fanden den Partner fĂŒrs Leben und grĂŒndeten somit ihren eigenen Hausstand.

Nun wohnten nur mehr Aloisia und Josef Linimair, sowie die Tochter Aloisia Hager mit ihren drei Kindern in der damaligen Offiziersbaracke. Josef Linimair verstarb im Dezember 1955 und Aloisia im Mai 1965. Den letzten Brief widmete sie ihrem jĂŒngsten Sohn Gottfried, seiner Frau Aloisia und ihren beiden Söhnen. Diesen Brief (in Kurrentschrift) schrieb sie am 7.7.1965 vom Krankenhaus Wels aus. Darin bittet sie unter anderem um VerstĂ€ndnis, dass sie nicht mehr mit dem Rad zu ihnen nach Neubau fahren wird können und legte 50 Schilling bei (fĂŒr diese Frau ein kleines Vermögen) – als kleine Aussteuer fĂŒr deren beiden Söhne mit den herzlichsten GrĂŒĂŸen von ihr. Sie hat das Krankenhaus nicht mehr verlassen. Ein langes, schweres und schicksalsbeladenes Leben ging zu Ende. Die Familie denkt heute noch an diese großartige Frau, fĂŒr die ihre Familie immer das Wichtigste war – und ihr Halt gab in den schwersten Stunden.
Als die Tochter Aloisia Hager als Kriegswitwe (ihr Mann Alois fiel im Juli 1944) eine Pensionsnachzahlung ihres Mannes erhielt, kaufte sie mit diesem Geld dieses GrundstĂŒck in der Lagerstraße 3 und somit war der Besitz besiegelt. Es war ein einfaches, jedoch aufregendes und oft beschwerliches Leben. Es gab kein Wasser im Haus, das musste man vom Brunnen holen, den Urenkelinnen ist der Waschtag noch in sehr guter Erinnerung, die WĂ€sche wurde draußen in einem Kessel gekocht, mit einer Waschrumpel sauber gemacht und hĂ€ndisch geschwemmt. Da war der einzige schulfreie Nachmittag zum Leidwesen der Urenkelinnen meistens schon ausgebucht. Im Jahre 1988 wurde die Baracke abgerissen, ein Einfamilienhaus darauf gebaut – und es ist heute noch im Besitz der Familie. Heute lĂ€sst sich sagen, dass die Enkelinnen und Urenkelinnen ein gutes Leben fĂŒhren und der gute familiĂ€re Zusammenhalt beeindruckt.

Text: Reinhard Gantner


"Marchtrenker Frauen" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide im Rahmen des Tags des Denkmals 2017 unter dem Motto "Heimat großer Töchter" in der Alten Pfarrkirche Marchtrenk.

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