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Hermine Schatzl. Pl√∂tzlich ist das Gesch√§ft allein zu f√ľhren


Hermine Schatzl kam am 2.10.1925 in Arndorf in Nieder√∂sterreich zur Welt. Der kleine Ort liegt im Waldviertl im Bezirk Melk und ist ca. 6 Kilometer von P√∂ggstall entfernt. Sie war die zweite von 5 T√∂chtern von Alois und Josefa Baumgartner. Ihr Vater war als Forstarbeiter in der Gutsverwaltung Arndorf t√§tig. Dieses Gut geh√∂rte damals zu Schloss Artstetten dem Wohnsitz der Familie des ermordeten Thronfolgers Franz Ferdinand von Habsburg d¬īEste.

Die Verh√§ltnisse in denen Hermine mit ihren Geschwistern aufwuchs waren sehr bescheiden. Mit den wenigen finanziellen Mitteln, die der Vater nach Hause brachte, musste die Familie ern√§hrt werden. Die Mietwohnung bestand aus 2 Zimmern, das Bett mussten sich mehrere Geschwister teilen. Im Nachbarort Neukirchen am Ostrong besuchte Hermine 8 Jahre die Volksschule. Der Schulweg von 2 Stunden musste Sommer und Winter zu Fu√ü bew√§ltigt werden. Mit der Mutter mussten die Kinder jedes Jahr 40 Meter Holz f√ľr die Schule des Ortes mit der Hands√§ge schneiden und aufschlichten, damit die Schule im Winter geheizt werden konnte. Das war ein kleines Zubrot f√ľr die Familie. Mit der √§lteren Schwester wurde Holz f√ľr ein Kaufhaus geschnitten und zerkleinert um sich den Luxus einer Tafel Schokolade leisten zu k√∂nnen.

In den Schulferien wurde Hermine zu ihrem Onkel Hans Baumgartner nach Marchtrenk geschickt um im Haushalt zu helfen. Dieser besaß in Marchtrenk eine Fleischhauerei in der Linzerstraße. Ab 1935 verbrachte sie so ihre Sommerferien in Marchtrenk, die Reise war jedes Jahr beschwerlich. Zu Fuß ging es fast 3 Stunden nach Pöchlarn zum Bahnhof, dann mit dem Zug nach Marchtrenk. Hier wurde sie von ihrer Tante abgeholt.

1939 war die Schulpflicht beendet und es folgte, wie in der NS-Zeit √ľblich, ein Pflichtjahr in einem landwirtschaftlichen Betrieb. Nach diesem Pflichtjahr wollte sie einen Beruf erlernen, doch die Eltern konnten sich die Ausbildung nicht leisten. Damals war es √ľblich, dass f√ľr eine Lehre bezahlt werden musste. In der NSV, der Nationalsozialistischen Volkswohlfahrt, hatte sie die M√∂glichkeit als Familienhelferin ausgebildet zu werden. In Ehrenhausen bei Graz erfolgte die Ausbildung im Jahr 1940 und ab dieser Zeit arbeitete sie im Bezirk Melk bei verschiedenen kinderreichen Familien deren Familienv√§ter im Krieg waren.

Als die Kriegsfront immer n√§her r√ľckte und die Angst vor den Russen immer gr√∂√üer wurde, entschloss sie sich nach Ober√∂sterreich zu fliehen. Bei ihrem Onkel Hans fand sie als Haushaltshilfe eine Anstellung in der Fleischhauerei. Mit dem Monatslohn von 50 Schilling musste sie sehr sparsam umgehen. Str√ľmpfe waren ein Luxusartikel. Sie kosteten im Schleichhandel 40 Schilling. 1947 wechselte sie die Arbeitsstelle. In der Beckervilla wohnte die Familie des Tierarztes Dr. Kofler, der in H√∂rsching eine Tierarztpraxis betrieb. Die Familie Kofler stammte aus S√ľdtirol und war in der NS-Zeit zwangsweise umgesiedelt worden. Hermine f√ľhrte den Haushalt und k√ľmmerte sich um deren Kinder. In dieser Zeit wohnte sie bei der Familie Kumpl und teilte sich ein Zimmer mit deren Tochter Anna. Die Freundschaft mit Anna dauerte solange diese lebte.

1948 verliebte sie sich in Hubert Schatzl, der als Fleischhauer bei Hans Baumgartner besch√§ftigt war. Im gleichen Jahr √ľbersiedelte die Familie Kofler zur√ľck nach S√ľdtirol. Der Liebe wegen blieb sie in Marchtrenk obwohl die Familie Kofler dr√§ngte mit nach S√ľdtirol zu kommen. In den folgenden Jahren war sie als Arbeiterin in der Firma PAKA besch√§ftigt. 1950 wurde geheiratet und Sohn Kurt kam zur Welt. Im Haus der Familie Dialer, die in Marchtrenk ein Kaffeehaus betrieben, wurde eine kleine Wohnung bezogen.

Hubert Schatzl stammte aus Obernberg am Inn wo seine Eltern seit Generationen eine Fleischhauerei betrieben. Seinen Wunsch nach einem eigenen Betrieb konnten sich Hubert und Hermine 1951 erf√ľllen.

Im Gasthaus der Familie Roitmeier in der Welserstra√üe stand eine Fleischerei leer. Am 1. September 1951 wurde diese gepachtet und das Gesch√§ft er√∂ffnet. F√ľr Hermine war es keine leichte Zeit, musste sie sich doch auf den neuen Beruf und die damit verbundenen T√§tigkeiten erst einstellen. 1951 wurde in der Bahnhofstra√üe ein Grundst√ľck gekauft und mit dem Hausbau begonnen. 1952 kam Sohn Helmut zur Welt. Im gleichen Jahr wurde das Eigenheim bezogen. Die Eltern von Hermine und die Schwester Ilse, die nach wie vor in bescheidenen Verh√§ltnissen in Nieder√∂sterreich wohnten, wurden nach Marchtrenk √ľbersiedelt. Die Eltern wohnten bis zu ihrem Tod im gleichen Haushalt mit Hubert und Hermine. Schwester Ilse arbeitete Jahrzehnte im Fleischerbetrieb. In diesen Jahren war das Gesch√§ft auch Sonntagvormittag ge√∂ffnet. An Urlaub war in dieser schwierigen Zeit gar nicht zu denken.

In den schwierigen Zeiten nach dem Krieg wurde auch vielen Familien beim Einkaufen finanziell geholfen. Als Taufpatin und Firmpatin zahlreicher Kinder ist sie den Familien in dankbarer Erinnerung. Es gab keinen Verein der nicht unterst√ľtzt worden w√§re. Es war √ľblich, dass die Jause f√ľr die Kinder bei der Erstkommunion gespendet wurde. Hubert Schatzl ist noch vielen √§lteren MarchtrenkerInnen als Obmann des Musikvereines in Erinnerung.

1966 traf die Familie ein schwerer Schicksalsschlag. Hubert Schatzl verstarb am 8.11. v√∂llig √ľberraschend. Wie sollte es weitergehen? Sohn Kurt war 16 Jahre und gerade im 2.Lehrjahr als Fleischer, Sohn Helmut war 14 Jahre und gerade in der 1. Klasse der Lehrerbildungsanstalt. Hermine entschloss sich, den Betrieb als Witwenbetrieb weiter zu f√ľhren. In einer von M√§nnern dominierten Umwelt war dies ein schwieriges Unterfangen. Die Fleischerei und der Viehhandel forderten ihren ganzen Einsatz. Nachdem Sohn Kurt 1968 die Gesellenpr√ľfung abgelegt hatte, durfte er mit Ausnahmegenehmigung bereits mit 19 Jahren die Meisterpr√ľfung ablegen. Mit ihm als gewerberechtlichen Gesch√§ftsf√ľhrer durfte Hermine den Witwenbetrieb bis 1985 weiter betreiben. Ab 1985 √ľbernahm Kurt, der 1980 Ulrike geheiratet hatte, die Fleischhauerei und f√ľhrte sie bis zu seiner Pensionierung im Jahr 2010. In dieser Zeit arbeitet Hermine bis zu ihrem 85. Lebensjahr im Betrieb mit. Die Fleischerei und der t√§gliche Kontakt mit den KundInnen war ihr Leben. Ihr Lebenswerk wurde durch Auszeichnungen seitens der Gemeinde und der Wirtschaftskammer gew√ľrdigt.

2012 traf die Familie Schatzl ein weiterer schwerer Schicksalsschlag. Sohn Kurt starb v√∂llig √ľberraschend im Alter von 62 Jahren. Seine Bekanntheit und Beliebtheit konnte man an der Trauergemeinde ermessen, die ihm das letzte Geleit gab. Mit 92 Jahren ist Hermine heute noch t√§glich auf den Beinen. Der Friedhofsbesuch, der Gang zum B√§cker und zum Lebensmittelgesch√§ft wird genutzt um mit ehemaligen Kunden zu plaudern und Freundinnen zu treffen. Im gemeinsamen Haushalt mit Ulrike Schatzl ist sie fest im Familienleben integriert. ‚ÄěBewegung, Arbeit und eine gl√ľckliche Familie halten mich fit‚Äú so das Motto von Hermine Schatzl.

Text: Helmut Schatzl, Sohn (Vizeb√ľrgermeister a.D.)


"Marchtrenker Frauen" - Dokumentation einer Ausstellung des Museumsvereins Marchtrenk - Welser Heide im Rahmen des Tags des Denkmals 2017 unter dem Motto "Heimat großer Töchter" in der Alten Pfarrkirche Marchtrenk.

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